»...Gehen wir nun in medias res und beginnen wir also mit der Frage, warum Luhmann abgelehnt hat, die Psyche anders denn als Bewusstsein zu beschreiben?

Luhmanns Bewusstseinsmodell schloss die Annahme eines Unbewussten von Anfang an aus. Der entscheidende Grund dürfte dabei darin gelegen haben, dass er von Husserl herkommend die bewusstseinsphilosophisch tradierte Gleichsetzung von Psyche und Bewusstsein übernommen hatte. Wenn man aber das psychische System als identisch mit dem Bewusstsein ansieht, verbietet sich natürlich schon rein logisch jede Annahme, dieses System könne auch unbewusst operieren. Nun sah sich Luhmann allerdings in der Situation, erklären zu müssen, wie so prominente Theorien wie die Psychoanalyse dazu kommen können, es gebe unbewusste Operationen.

Seine Antwort war ganz auf die Therapiesituation der Psychoanalyse bezogen und lautete, das Unbewusste sei schlicht ein »Unding«, ein bloßes »Artefakt der Beobachtung«. Er sprach auch wörtlich davon, es sei eine Un-heit und wies darauf hin, dass es Un-heiten – oder wie manche heute sagen: Un-jekte – nicht geben könne, da sie nur negativ bestimmt seien. Aus dem bloßen Fehlen von etwas ergebe sich kein eigenständiger Gegenstand.

Ich denke, für Un-heiten und Unjekte trifft Luhmanns Kritik durchaus zu. Die Frage ist aber: Handelt es sich tatsächlich beim Unbewussten um einen nach dem Muster von Unheiten konstruierten Gegenstand? Zielen Psychologen und Neurophysiologen tatsächlich auf etwas nur negativ Bestimmtes, wenn sie vom Unbewussten sprechen? Ich werde im Nachfolgenden versuchen, nachzuweisen, dass dies keineswegs so ist. Der Begriff des Unbewussten funktioniert weit mehr nach dem Muster des »Un-hörbaren« oder des »Un-Sichtbaren«: Etwas »Unhörbares« ist aber keine Unheit, kein Unjekt, sondern etwas, dass man vielleicht zum Beispiel sehen, aber eben nicht hören kann. So wie etwas »Unsichtbares« durchaus fühlbar, geschmackvoll, duftend oder hörbar sein kann. Ein Haken an der Sache sei zugestanden: Anders als Unsichtbares, das man hören kann, lässt sich über das Unbewusste qualitativ nicht viel sagen. Aber auch darauf werden wir gleich zurückkommen...«
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Homepage von Dr. Harald Wasser - Systemtheorie und Konstruktivismus
Fotos: Sabrina Roth, LUMAS
Hintergrund:
Systemisches Denken – Systemische Therapie
Im wissenschaftlichen Denken haben zwei Entwicklungen tiefgreifende Auswirkung auf das Verständnis des Menschen und somit auch auf die Psychotherapie gehabt. Es handelt sich um die Systemtheorien und konstruktivistischen Erkenntnistheorien.
Die Systemtheorien machen komplexe Zusammenhänge zu ihrem Gegenstand und bieten somit einen angemessenen Zugang zu der Komplexität zwischenmenschlicher Phänomene wie sozialen Systemen und Kommunikation. Sie erlauben es, menschliche Konflikte und ihre Behandlung als kommunikative Vorgänge aufzufassen.
Konstruktivistische Erkenntnistheorien binden Kognition an die biologischen und sozialen Besonderheiten der Menschen, verzichten also auf die Annahme, es gäbe einen Zugang zu einer vom/von der Beobachter/-in unabhängigen, objektiven Welt. Menschen werden hierbei als zugleich autonom und sozial eingebunden verstanden.
Quelle: Institut für systemische Studien e. V.
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