Samstag, 8. März 2008

Reduktionismus, naiver Biologismus und der Universalanspruch der Naturwissenschaften

Leseprobe aus der Einleitung des Buches »Im Gehirn gibt es keine Gedanken - Kritik am Reduktionismus« von Matthias Wenke:

»Wenn Hirnforscher das Gehirn als „Parasiten im Körper“ bezeichnen und behaupten, längst bewiesen zu haben, dass „das Bewusstsein voll im Rahmen der Naturgesetze“ stattfände (Roth 2006) oder dozieren, Bewusstsein sei nur ein „Emergenzprodukt“ neuronaler Prozesse (Singer 2006), wenn Psychiater zur „Erklärung“ der verschiedensten psychischen Erscheinungen vom Stimmenhören bis zur Depression immer wieder nur auf „Stoffwechselstörungen im Gehirn“ verweisen (Spitzer 2007), und sogar wenn selbsternannte „Neurotheologen“ von einem „Gottes-Modul im Gehirn“ sprechen (Hotz 1997) erlebt man leider nichts als ergebene Hingabe. Derartige Redeweisen werden wissenschaftsgläubig bestaunt, mitwissend benickt und of noch populärjournalistisch verbreitet, und man übersieht völlig, dass zu ihrem unbestreitbaren empirischen Gehalt meist eine gefährliche Reduktion mitgedacht wird, welche als Ursache und Wirkung vertauscht und erkenntnistheoretisch unhaltbar ist. Man unterstellt nämlich, dass die menschliche Existenz, dass Bewusstsein und sein Erleben nichts anderes ist als „ein Bündel Neuronen“ (Crick 1996). ...

Gesellschaftsstrukturen sind aus menschlichen Handlungen gemacht, und Menschen handeln in einer bestimmten Weise, weil sie eine bestimmte Vorstellung von der Welt, sich selbst, den anderen Menschen und den Dingen haben. Es geht also um meist unbewusste, implizite oder verschleierte Tiefenstrukturen des alltäglichen und gesellschaftlichen Denkens, die die Medien, die Wissenschaft, die Politik und die Wirtschaft durchziehen. Dieser gesellschaftliche Diskurs, sozusagen der alles durchströmende Zeitgeist, erzeugt und reproduziert Behauptungen, die nicht angezweifelt werden dürfen oder die den Medien-, Produkt- und Politikkonsumenten als geltende Wahrheiten untergeschoben werden.

Was das Menschenbild anbelangt, tummeln sich im öffentlichen Diskurs viele, genauer betrachtet unsinnige, aber wirksame Suggestionen, wie beispielsweise die folgenden: „Der Erfolgreiche hat die besseren Gene“, „Gene steuern Verhalten“, „Schönheit ist Fortpflanzung“, „Religion ist ein evolutionärer Trick“, „Gefühle dienen dem Überleben“, „Sex ist biologisch“, „Intelligenz dient dem Überleben“, „Sympathie ist eine Sache der Körperchemie“, „Unser Gehirn ist ein neuronaler Computer“, „Aggression ist biologisch“, „Weil unsere Ahnen irgendetwas gemacht haben, ist es in unseren Genen“ oder „Liebe ist eine Frage der Hormone“, „Impotenz ist ein Problem des Körpers“, „Depressionen sind Stoffwechselstörungen“, „Verhaltensstörungen sind Gehirnkrankheiten“ oder auch „Wir müssen in der Gentechnologie wettbewerbsfähig sein“, „Charaktereigenschaften sind erblich“ und eine Vielzahl weiterer ungeprüfter Überzeugungen, die keiner wissenschaftlichen Reflexion standhalten, aber dennoch für „Wissenschaft“ und deshalb auch für „wahr“ gehalten werden.

Sie werden als eine Art Dauerfeuer ständig wiedergekäut und bestätigt durch die Allgegenwart medialer Berieselung. Wir saugen solcherlei Halbwissen ganz nebenbei auf und schenken ihm ein erstaunliches Vertrauen. Kurz: Die Biologie oder die Neurowissenschaften werden von vielen Menschen fraglos als Autorität für die Deutung praktisch aller Dimensionen ihres Lebens akzeptiert, quasi als universale Anthropologie. Daraus entsteht dann oft ein in sich geschlossener Vorstellungshorizont, außerhalb dessen die Welt nicht mehr anders möglich zu sein scheint. Auch viele Naturwissenschaftler sind blind für ihre eigenen Horizontgrenzen geworden und glauben in ihrer Hybris, von einem absoluten Beobachterstandpunkt auf das zu schauen, was sie „Natur“ nennen. Es scheint eine Art innerer Denkzwang zum Reduktionismus zu bestehen, lange gebahnt schon durch den antiken Atomismus, dem an nicht entrinnen kann oder will. Man glaubt, das Vorgefundene erst zu verstehen, wenn man es sich rückwärts aus vermeintlich „Elementarem“ konstruiert denken kann. Gegenwärtig taucht so ein wissenschaftlich längst überholter Naturalismus bzw. Materialismus in allen Bereichen der Wissenschaften wieder auf, der nur noch das anerkennt, was seine eigenen selbstselektiven Evaluationskriterien erfüllt. ...

Ein zentrales Problem der naturwissenschaftlichen Tradition, die sich auf Galileo Galilei beruft, ist die Blindheit für die Tatsache, dass Naturwissenschaften immer und notwendig zuallererst Formen sozialen Handelns sind oder anders ausgedrückt: hochsystematisierte Handwerkszweige. Sie nehmen damit nur eine mögliche Perspektive unter anderen ein, haben immer bestimmte Eigeninteressen und sind alles andere als „wertneutral“. Sie erzeugen nicht aus dem Nichts heraus neues Wissen über die Welt, sondern setzen immer bereits eine ganz bestimmte Weltanschauung voraus - eben als die spezielle Art und Weise, die Welt mit bestimmten Absichten anzuschauen und sie handelnd anzupacken, z. B. in Experimenten und Technologien.

Ich wundere mich sehr häufig, wie viele naturwissenschaftlich geprägte Fachleute und auch Laien ein ganz zentrales Element der alltäglichen Wissenschaftsauffassung vollständig übersehen, denn beinahe keine Diskussion, so kontrovers sie auch sei, berührt jemals eine anscheinend selbstverständliche Grundüberzeugung: Nämlich dass die Naturwissenschaften so etwas wie „absolutes“ oder „objektives“ Wissen lieferten, welches völlig unhinterfragt jeder Reflexion schon vorausgesetzt wird. Eben hier zeigt sich die Macht des verborgenen Diskurses. Die Perspektivität naturwissenschaftlicher Methodik wird ganz einfach verleugnet und man behauptet sie als eine absolute Welt an-sich. ... Man will mit der Naturwissenschaft angeblich „Metaphysik“ überwinden, schafft allerdings eine neue Metaphysik im Dunkeln, deren Grundbehauptungen unantastbar gemacht werden, weil sie einfach nicht thematisiert werden. Man fühlt sich an eine ähnliche kollektive Blindheit - oder besser Taubheit - erinnert, nach der es im siebzehnten Jahrhundert noch als völlig ausgeschlossen galt, den menschlichen Herzschlag hören zu können...«

Mehr Informationen zum Buch »Im Gehirn gibt es keine Gedanken.« von Matthias Wenke hier im Blog UNTERBEWUSSTSEIN...

Home »UNTERBEWUSSTSEIN«