
»Warum spüle ich nach dem Abendessen regelmäßig nicht ab, trotz der wiederholten Bitten meiner Frau? Und warum liefere ich diesen Artikel nicht um zwölf Uhr ab, sondern erst viel später - obwohl mein Chef mich doch eindringlich gebeten hat, möglichst schnell fertig zu werden? Entschuldigung – aber ich kann gar nichts dafür. Und um diesem Vorwürfen gleich vorzubeugen - es handelt sich nicht um Trotz.
Wie eine Studie von Wissenschaftlern der Duke University in Durham zeigt, handle ich den Bitten der anderen völlig unbewusst zuwider – vermutlich weil ich das Gefühl habe, diese Wünsche bedrohen meine Autonomie. Initiiert hat die Untersuchung Tanya L. Chartrand, die sich nicht erklären konnte, warum ihr Ehemann die Wünsche seiner geliebten Frau, er solle im Haushalt helfen, immer wieder zu ignorieren scheint.
„Mein Mann“, so berichtet Chartrand, „hat eine ärgerliche Tendenz, häufig genau das Gegenteil von dem zu tun, worum ich ihn bitte“...« (Quelle: »Unschuldiger Trotz«, Süddeutsche Zeitung vom 14.02.2007)
Unbewusste bzw. unterbewusste Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster können eine Folge unserer Veranlagung aber auch unserer frühkindlichen Erfahrung sein. Macht ein Kind die Erfahrung, dass es von einem oder beiden Elternteilen förmlich erdrückt, überrumpelt oder in seiner Selbstentfaltung stark eingeschränkt wird, so kann daraus Schritt für Schritt der Reaktionsautomatismus »Fremdsabotage« werden. Nicht bewusst und mit böser Absicht, sondern unbewusst als (zum Zeitpunkt der Entstehung) wertvolle und wichtige Selbsthilfe.

Entsprechende Muster lassen sich nicht nach Schema F decodieren. Entfaltungshemmende frühkindliche Erfahrungen müssen nicht zwangsläufig zum unbewussten Programm »Fremdsabotage« führen. Sie können auch in das Programm »Selbstsabotage« (Selbstbild: Ich bin wertlos) münden ... oder schlicht und ergreifend heilen und verschwinden. Es ist daher empfehlenswert, mit voreiligen Interpretationen und Empfehlungen sehr zurückhaltend zu sein. Gerade für dritte (psychologisierende) Personen, ob Laien oder Therapeuten, besteht immer die große Gefahr, dass sie eigene unbewusste Themen oder Erfahrungen in eine andere Person hineinprojizieren.
Unbewusste Reaktionsautomatismen können dann eine wertvolle Quelle für die Entwicklung und Reifung der eigenen Persönlichkeit werden, wenn wir sie (und damit uns) frei von jeglichen Werturteilen annehmen, akzeptieren ... ja sogar lieben. Der erste ... und anspruchsvollste ... Schritt besteht darin, sie zunächst einmal bewusst zu machen. Der zweite Schritt kann darin bestehen, sie - wenn wir dies wollen - zu heilen und aufzulösen. Wir nehmen sie zunächst noch wahr, entscheiden uns dann jedoch - wenn wir dies wollen - sie ganz entspannt und locker ... immer öfter ... durch ein neues Verhalten oder durch eine neue Wahrnehmung zu ersetzen.
In Hinblick auf das von Markus C. Schulte von Drach beschriebene unbewusste Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster »Fremdsabotage wegen Bedrohung der eigenen Autonomie« kann die Lösung z. B. darin bestehen, unsere Gefühle und unser automatisiertes Verhalten zunächst ... quasi aus der Vogelperspektive ... zu beobachten, zuzulassen, um uns anschließend innerlich die Erlaubnis zu geben, nun ein neues Muster einzuüben: beispielsweise »faire Kooperation«. Nicht zwanghaft, nicht unter Druck ... sondern locker und entspannt. Wenn wir dies wollen, wenn es sich für uns gut anfühlt.
Mehr zu diesem Thema in meinem E-Book Psychophysik 2.0: Bedienungsanleitung für das Unterbewusstsein.
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