Matthias Wenke sagte mir dazu in einem Interview:
»Was für eine Frage. Natürlich! Das Gehirn ist nur ein Teil von einem Menschen, und man darf aus diesem einzelnen Organ nun nicht das »eigentliche« Subjekt machen, wie es leider einige Hirnforscher in ihren Publikationen suggerieren. Thomas Fuchs von der Phänomenologischen Sektion der Psychiatrischen Uniklinik Heidelberg hat in einem Artikel brilliant gezeigt, dass mit dieser Selbstverdinglichung »das Gehirn nicht nur die Leerstelle des Subjektes [einnimmt], sondern letztlich die Leerstelle Gottes. (…). Die neurobiologische Anti-Metaphysik schlägt um in eine krypto-religiöse Metaphysik – einen ›Glauben an das Gehirn‹«
(Fuchs „Neuromythologien“, S. 17 in Gehirn & Geist am 02.01.2007).
So etwas gleicht der magischen Überhöhung eines Fetischs, die den klaren Blick auf die Sache vernebelt. Dasselbe gilt übrigens für einen mystifizierten Modebegriff vom »Unbewussten«. Das Organ des Denkens, Fühlens und Handelns ist aber immer der vollständige und beseelte menschliche Leib. Und auch an jedem Gedanken ist der ganze leibhaftige Mensch beteiligt.«
Denke ich, oder denkt mein Gehirn?
Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs beantwortet die Frage gleich mit einem ganzen Buch:
»Das Gehirn - ein Beziehungsorgan.«
Denkt das Gehirn? Ist es der Schöpfer der erlebten Welt, der Konstrukteur des Subjekts?
Dieser verbreiteten Deutung der Neurowissenschaften stellt das Buch eine ökologische Konzeption gegenüber: Das Gehirn ist vor allem ein Vermittlungsorgan für die Beziehungen des lebendigen Organismus zur Umwelt und für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Diese vielfältigen Interaktionen verändern das Gehirn fortlaufend und machen es zu einem biographisch, sozial und kulturell geprägten Organ.Fazit: Es ist nicht das Gehirn für sich, sondern der lebendige Mensch, der fühlt, denkt und handelt. Diese Konzeption wird auf philosophischer, neurobiologischer und entwicklungspsychologischer Basis entwickelt. Ein gesonderter Abschnitt gilt ihren Konsequenzen für unser Verständnis psychischer Krankheit, für die psychologische Medizin und Psychotherapie.
Aus dem Inhalt:
Teil A: Kritik des neurobiologischen Reduktionismus
1. Kosmos im Kopf?
2. Das Gehirn als Erbe des Subjekts?
Teil B: Gehirn – Leib – Person
3. Grundlagen: Subjektivität und Leben
4. Das Gehirn als Organ des Lebewesens
5. Das Gehirn als Organ der Person
6. Der Doppelaspekt der Person
7. Konsequenzen für die psychologische Medizin
Schluss
Gehirn und Person - Die Reichweite neurobiologischer Erkenntnisse - Naturalistisches
oder personalistisches Menschenbild?
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5 Kommentare:
Zweifelsohne ein wichtiger Gedanke.
Dennoch gefragt:
Denken: Wo ist der Unterschied im Erleben, ob nun mein Gehirn denkt oder meine ganze Person?
Fühlen: Wo ist der Unterschied im Empfinden, ob nun mein Gehirn (am Ende) das Gefühl generiert oder meine ganze Person?
Ist etwas anderes gemeint als die sich aus sprachlicher Subtilität ergebenden Folgen für Wahrnehmungsart, Bewusstsein, Einstellung?
Hallo Noah,
(ich erlaube mir einmal ein "Du")
die hier kurz angerissene Differenzierung ist von großer Bedeutung ... z. B. für die Freier-Wille-Diskussion.
Wenn das Gehirn als schwer zu kontrollierender Roboter ganz automatisch denkt, dann ist ein Mörder vielleicht ein Opfer seines Gehirns und selbst schuldunfähig. Diese Diskussion wurde ernsthaft geführt. Allerdings sind die Protagonisten der "Ich-habe-keinen-freien-Willen-Theorie" inzwischen zurückgerudert.
Siehe hierzu auch Wer deutet das Denken?, ein ZEIT-Gespräch von Prinz und Singer. Es geht um die Deutung des Denkens und den Unterschied zwischen Korrelation (immer wenn ich Rosenduft rieche, dann flackert mein Gehirn - RICHTIG) und Kausalität (mein Gehirn erzeugt den Rosenduft - NICHT ZULÄSSIGE INTERPRETATION). Der wahrgenommene Duft einer Rose ist der wahrgenommene Duft einer Rose ... und nicht neuronales Flackern, auch wenn dies daran beteiligt ist.
»Wo ist der Unterschied im Erleben, ob nun mein Gehirn denkt oder meine ganze Person?«
Im ERLEBEN ist gerade KEIN UNTERSCHIED. Der Unterschied liegt in der (hirnbiologischen) INTERPRETATION VON ERLEBEN und in den Begriffen "Kausalität" (Ursache) und "Korrelation" (daran beteiligt sein).
Immer wenn ich die ARD-Tagesschau sehe, zeigt mein Fernseher auf seinen Platinen elektromagnetische Aktivitäten (Korrelation). Das bedeutet jedoch nicht, dass die Tagesschau in meinem Fernseher entsteht (Kausalität).
Erforsche ich ein Buch, welches in einer mir neuen und unbekannten Schrift geschrieben wurde, so erschließe ich den Inhalt dieses Buchs nicht, indem ich die Druckerschwärze unter dem Elektronenmikroskop bis auf atomare Dimensionen vergrößere. Die Schrift des Buches ist am Prozess des "ein Buch lesen und verstehen" beteiligt (Korrelation), jedoch nicht kausal dafür verantwortlich. Es benötigt immer einen Leser, der ein Buch interepretieren kann und die geschilderten Erfahrungen selbst schon ERLEBT hat.
Die Thematik ist komplex und nicht in einem kleinen Blog-Kommentar zu erschließen. Trotzdem war dies ein kleiner Versuch, für das Thema und die m. E. nicht unwichtige Differenzierung zu öffnen.
Sonnige Grüße
Claus
P.S. Siehe zu diesem Thema auch: Ist unser Gehirn ein Empfänger für Bewusstsein außerhalb seiner selbst? sowie Hirnforschung und Quantenphysik
Hallo Claus,
Die Diskussion um den freien Willen verfolge ich schon eine ganze Weile, und den Blog-Beitrag so verstanden wie in deiner Antwort erläutert: Zustimmung. Diese Sicht teile ich.
"Wenn das Gehirn als schwer zu kontrollierender Roboter ganz automatisch denkt" ist eine interessante Aussage. Wäre Gehirn = Ich, wer kontrolliert dann? Eine ähnliche Frage habe ich auch mal gestellt: http://mentio.blogspot.com/2008/05/was-guckt-denn-da.html (Wobei du hinsichtlich der dortigen Skepsis gegenüber der Psychologie vermutlich anderer Ansicht sein wirst - aber das kann ja dahingestellt bleiben).
Für das Interview mit Prof. Dr. Günter Ewald bin ich sehr dankbar. Dazu am Rande: Vor mehr als 2 Jahrzehnten traf ich auf Hoimar v. Dithfurts viel zu unbeachtet gebliebene Frage, ob das Gehirn in der Evolution sich nicht als eine Antwort auf "Geist" entwickelt haben könnte, so wie andere Körperteile/Organe auch nur evoluierte Antworten auf Vorhandenes sind (Auge als Antwort auf Licht [rsp. Ausschnitt elektromagnetischer Strahlung], Ohr als Antwort auf Dichteänderungen im Medium Luft, Fuß als Antwort auf Schwerkraft, Flosse auf Wasser, usw. usf.). (Zu der Zeit habe ich auch Charon gelesen).
Das Interview bringt mir eine neue Anregung zu einem Thema, mit dem ich mich gerade befasse.
Herzliche Grüße
Noah
Hallo Noah,
wenn ich Deinen Beitrag...
Was guckt denn da?
... so lese, dann kann ich mir ja weitere Antworten fast sparen. :-)
Deine Gedanken liegen so ziemlich auf meiner Wellenlänge. Vielleicht kann man es auch so ausdrücken:
Psychoanalyse und positive Psychologie sind Zwischenstufen in der Evolution des Bewusstseins.
» ...Hoimar v. Dithfurts viel zu unbeachtet gebliebene Frage, ob das Gehirn in der Evolution sich nicht als eine Antwort auf "Geist" entwickelt haben könnte...«
Eine spannende Frage!
Ich habe MENTIO gleich einmal in meine Blogroll aufgenommen.
Herzliche Grüße
Claus
Danke, Claus!
Und willkommen auch auf meiner Blogroll!
Herzlichen Gruß
Noah
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